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Stichwort: Künstliche Besamung

Künstliche Besamung: Alles prima hygienisch

Aber erzeugt das wirklich so viel besseres und gesünderes Pferdeleben?

Von Dr. Stefan Brosig

Vor allem in den Jahren 2002 bis 2005 bot pferdeglueck.de dem Chemiker und Pferdefreund Dr. Stefan Brosig die Gelegenheit, erstmals in redaktioneller Aufbereitung seine Abhandlungen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu veröffentlichen. Auch dieser Archiv-Beitrag stammt aus dieser Zeit.

Die Probleme, die schon seit langer Zeit in der Pferdezucht bei künstlicher Besamung (KB) auftreten, deuten darauf hin, dass offensichtlich einige störende Faktoren seit ebenso langer Zeit übersehen werden. Von den Reproduktionsmediziner wird gerne als Argument gegen den Natursprung und für die KB die größere Hygiene angeführt, die zu einer verringerten Ansteckungsgefahr für die Stute führe. Dennoch liegen aber, trotz dieses hygienischen Fortschritts, die Prozentzahlen an lebendgeborenen Fohlen nicht über denen im altehrwürdigen Trakehnern. Bedenklich finde ich auch, dass sich anscheinend, nicht nur bei den Trakehnern, sondern auch in den anderen Pferdezuchten, die Geburtstermine immer später ins Jahr hinein verschieben, was in den nackten Prozentzahlen lebendgeborener Fohlen noch gar nicht zum Ausdruck kommt. Man muss sich meines Erachtens auch die Frage stellen, ob (sehr langfristig gesehen) nicht gar die Pferdezucht negativ durch die KB beeinflusst wird.

So wies der erfolgreichste Rennpferdezüchter des letzten Jahrhunderts, Senator Federico Tesio, bereits vor mehr als 50 Jahren darauf hin, dass sich zwar Rennpferde aus KB äußerlich in nichts von ihren im Natursprung gezeugten Artgenossen unterschieden. Es sei jedoch noch nie ein Sieger eines klassischen oder auch nur halbklassischen Rennens aus einer künstlich besamten Stute hervorgegangen! Seine Beobachtungen und das große Gewicht seiner Meinung führten zum Verbot der künstlichen Besamung in der Rennpferdezucht. Tesios Buch, "Breeding the Racehorse", ist bis heute lesenswert, denn seine Beobachtungen selbst sind zeitlos, auch wenn uns einige seiner Erklärungen für diese Beobachtungen heutzutage befremdlich vorkommen mögen. Kurz gesagt geht er aufgrund seiner Beobachtungen an Tausenden Rennpferden davon aus, dass während des Liebesaktes mehr geschieht als nur die Verschmelzung einer Eizelle mit einem Spermium, also mehr als das, worauf die heutige Reproduktionsmedizin die Entstehung neuen Lebens reduziert hat.

Die Probleme in der heutigen Warmblutzucht zeigen aber meines Erachtens, dass Senator Tesio wohl doch nicht so Unrecht hat, wie es die Mediziner bisher geglaubt haben. Gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage, wieso denn den Warmblutzüchtern, unter denen ebenfalls herausragende Experten vorhanden sind, nicht das Gleiche aufgefallen ist: Dass nämlich die KB keine so guten Tiere zeugt, wie der Natursprung. Die Erklärung findet man in der Natur der Rennen selbst, besonders der sogenannten klassischen Rennen, zu denen auch das berühmte Derby zählt. Diese klassischen Rennen wurden als Mittel zur Beurteilung der Qualität der Pferde unter reproduzierbaren Bedingungen geschaffen. Es laufen dort gleichaltrige (dreijährige) Pferde unter möglichst standardisierten Bedingungen. Und dies seit über 200 Jahren.

Pferd und Fohlen
Eine neues Pferdeleben wächst heran. Immer seltener aber ein Ergebnis echter "Liebe".

Etwas auch nur annähernd Vergleichbares gibt es bei den Warmblütern nirgends. Schon die Reitergewichte, im Rennen eine sehr wichtige Größe, variieren sehr stark und finden keinerlei Einfluss bei der Bewertung. Bei Rennen hat sich hingegen herauskristallisiert, dass jedes Kilo Gewicht mehr im Sattel ein Rennpferd über eine Distanz von ungefähr 1600 Metern bis zum Zielpfosten um ungefähr eine Pferdelänge, das entspricht etwa 0,15 Sekunden, langsamer werden lässt. Wenn ein Produkt aus der künstlichen Besamung z.B. nur 99% der Leistung bringt, die es normalerweise im Falle einer Bedeckung im Natursprung gebracht hätte, so wird es keine klassischen Rennen mehr gewinnen können, selbst wenn es ansonsten ein sehr gutes Pferd ist!

In den Prüfungen für Warmblüter können 99 % Leistung und 100 % Leistung hingegen gar nicht mehr unterschieden werden. Schon der Gewichtseinfluss des Reiters muss den kleinen Unterschied überdecken! Wird aber auch nur ein kleiner Teil dieser "Leistungsschwäche" an den Nachwuchs weitergegeben, so hat die Zucht langfristig ein Problem! Man darf nun aber natürlich nicht unkritisch einfach ähnliche Prüfungsbedingungen für Warmblüter fordern, wie für Rennpferde. Denn auch ein sehr einseitiges Prüfungssystem, wie das der Rennbahnen, hat seine Schattenseiten. So ist z.B., wie der berühmte Rennpferdetrainer Heinz Jentzsch feststellte, die Qualität der Hufe der Rennpferde über die Jahrzehnte immer schlechter geworden. Einziges Selektionskriterium war und ist hier eben nur die Geschwindigkeit auf guten Böden. Das Zuchtziel im Reitsport unterscheidet sich jedoch deutlich von dem im Rennsport.

Senator Tesio hat dies ausdrucksstark folgendermaßen formuliert: "Das englische Vollblut existiert, weil seine Zuchtauswahl nicht auf Experten, Technikern oder Zoologen beruhte, sondern auf einem Stück Holz: dem Siegpfosten beim Epsom-Derby. Hätte man ein anderes Zuchtkriterium herangezogen, hätte man etwas völlig anderes erhalten, nicht das englische Vollblut.... Die Bedingungen beim Derby blieben unverändert und ihre Gültigkeit wurde nicht hinterfragt. Es ist das Epsom Derby, welches das englische Vollblut zu dem gemacht hat, was es heute ist. Was könnte aus heutiger Sicht eine Erklärung für Senator Tesios Beobachtungen sein, dass die "Liebe" eine größere Rolle bei der Qualität und der Gesundheit der Pferde spielt, als den Reproduktionsmedizinern bisher lieb ist? Erklärungshilfe kann hier, wie auch bei vielen anderen Fragestellungen, die Evolutionsbiologie geben ("Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn, außer im Licht der Evolution!", Th. Dobzhansky).

Es ist offensichtlich so, dass der materielle Aufwand, den die Natur bei der Befruchtung der Eizelle durch ein Spermium betreibt, ungemein größer ist, als der, den die Mediziner betreiben. Die Erfahrung lehrt, dass die Natur dies nicht ohne Grund so tut, ansonsten wäre dieser Aufwand nämlich im Laufe der Entwicklungsgeschichte stark zurückgefahren worden: Die Natur haushaltet mit ihrer Erbinformation! So ist z.B. schon die Flüssigkeit, in der sich die Spermien bewegen, wesentlich komplizierter aufgebaut, als es die kommerziellen Samenverdünner sind. Nun ist aber aus der Chemie wohlbekannt, dass Lösungsmittel einen sehr starken Einfluss auf das Produkt einer Reaktion zwischen einer Substanz A und einer Substanz B haben. Bei Spermium und Eizelle handelt es sich um nichts anderes, nur ist alles noch komplexer. An ihren Oberflächen befinden sich z.B. Andockstellen und auch die Beweglichkeit der Spermien wird über die Eigenschaften der Flüssigkeit beeinflusst. Sicherlich aber nicht gleichmäßig: Es ist sehr wahrscheinlich, dass Spermien unterschiedlicher Qualität auf unterschiedliche Weise beeinflusst werden! Die Evolution muss zwangsläufig eine solche Samenflüssigkeit hervorbringen, die den besten Spermien die günstigsten Bedingungen für eine Befruchtung bietet.

Pferd und Fohlen
Ein gesundes Fohlen ist und bleibt stets ein wunderbares Geschenk der Natur.

Der Mensch kann dies bislang noch nicht. Er kann nur die Beweglichkeit insgesamt beobachten, die z.T. nur subtilen Unterschiede der inneren Qualität der einzelnen Spermien kennt er ja auch gar nicht! Man muss also annehmen, dass der Mensch durch Verwendung von Samenverdünnern eine unnatürliche und damit mit hoher Wahrscheinlichkeit negativere Auslese unter den Spermien trifft, als es die Natur zustande brächte. Samenverdünner sind also aus diesem Grunde meines Erachtens abzulehnen. In ähnlicher Weise wurden aber auch die von der Stute während des Geschlechtsaktes ausgeschiedenen Flüssigkeiten bislang nicht hinreichend in ihrer Bedeutung gewürdigt. Auch in diesem Falle betreibt die Natur diesen Aufwand nicht ohne Gründe. Man sollte auch hier mit einer weiteren Filterwirkung rechnen, die zu einer Bevorzugung der gesündesten Spermien gegenüber den etwas schlechteren führt. Langfristig wird so das Überleben der Art am besten gesichert. Wenn man denn unbedingt schon bei künstlicher Besamung bleiben möchte, wäre es daher meiner Meinung nach vorteilhaft, wenn es möglich wäre, die Stute während der Besamung sexuell zu erregen, um der Natur wenigstens so nahe wie möglich zu kommen.

Eine weitere Maßnahme, die Quote an lebenden und gesunden Fohlen zu erhöhen, wäre, bei der Hengstsauswahl die Passereigenschaften der Immunsysteme von Stute und Hengst besser zu berücksichtigen. Es ist bereits bekannt, dass bei vielen Tierarten weibliche Tiere ihren männlichen Partner (wenn möglich) über den Geruch auswählen. Und die Wissenschaft nimmt an, dass die Geruchsstoffe Hinweise auf die Passereigenschaften der beiden Immunsysteme geben. Durch diese Auswahl über den Geruch ist das Weibchen in der Lage, die Gesundheit und damit auch die Überlebenschancen ihres Nachwuchses zu erhöhen. Auf diesen Fakt hat auch bereits Senator Tesio hingewiesen: Nicht wenige Rennpferde allerhöchster Qualität entsprangen solchen Liebesbegegnungen, auch solche einer sehr guten Stute mit einem ansonsten drittklassigen Hengst.

Eine Berücksichtigung dieses Mechanismus müsste langfristig in der Pferdezucht einen Zuchtfortschritt erbringen. Allein, wie wollte man es verwirklichen. Der Stutenbesitzer sucht sich den nach seiner Ansicht passenden Hengst selbst heraus. Die Stute wird ja nicht gefragt und Bilder des Hengstes kann man ihr ja auch nicht vorlegen! Man könnte sich vielleicht vorstellen, dass ein Stutenbesitzer seiner Stute mehrere Schweißproben unterschiedlicher von ihm erwählter Hengste während der Rosse präsentiert und ihre Reaktion darauf genauestens beobachtet. Dieses Thema dürfte noch einiger Forschung bedürfen. Es wäre aber durchaus vielversprechend, weiterverfolgt zu werden!