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Der Kommentar

Wir gehen inzwischen über Leichen

Schwere Unfälle mit fatalen Folgen, und oft hätten sie vermieden werden können

Von Guido Gennerich

Eine schreckliche Meldung ging vor geraumer Zeit wieder über die Ticker: Was als vergnüglich-heiterer Ausritt begonnen hatte, endete in einer schlimmen Katastrophe, als sich ein Pony und ein Pferd erschreckten und kopflos mit ihren jungen Reiterinnen davonstürmten. Dabei überrannte das Pony eine Spaziergängerin und warf die 13-Jährige Reiterin ab. Es blieben zwei Schwerverletzte zurück. Auch das Pferd rannte unaufhaltsam weiter, kollidierte schließlich mit einem PKW. Bei dem Zusammenstoß erlitt die 14-Jährige Reiterin ebenfalls schwerste Verletzungen.

Einer von zahlreichen verheerenden Unfällen mit Pferden oder Kutschen. Nicht wenige enden tödlich, für die Pferde und leider auch oft für die Reiter(innen). Dabei sind nicht wenige Unfälle vermeidbar, wenn im gegenseitigen Umgang auf der Straße oder in Wald und Flur mehr Respekt und Rücksichtnahme vorherrschen würde. Das Gegenteil aber ist meistens der Fall. Gerade jetzt zu Beginn der "Freiluftsaison", wenn viele nicht artgerecht gehaltene, sondern monatelang als Sportgeräte in engen Boxen "aufbewahrte" Pferde plötzlich mit völlig ungewohnten Freiland-Eindrücken konfrontiert und schockiert werden, steigt die Unfallrate massiv an.

Die Idee zu diesen Zeilen ist mir in diesen Tagen bei einem Ausritt im Umfeld eines Ortsteils von Pulheim (nahe Köln) gekommen. Begleiten Sie mich auf diesem 1 ½-stündigen Trip und sprechen wir einmal offen über all die "Lappalien", denen wir nur selten Aufmerksamkeit schenken. "Lappalien", die aber beim Gros (!) aller schweren Unfälle genau die entscheidenden Funken am Pulverfass waren!

Die quietschbunten "Pedalritter"

Nur wenige Minuten im Pulheimer Königsforst, da prescht auch schon laut kläffend ein kleiner mutiger Hund aus dem Gebüsch. Vom Hundehalter, der erst Minuten später verträumt herbeischlunzt, ist zunächst einmal weit und breit nichts zu sehen. Der Hund springt unterdes weiter laut schimpfend hinter dem Pferd her. Und erst da bequemt sich der gleichgültige Halter, nach dem kleinen Schreihals zu rufen. Dass ein kurzes gezieltes "Geschoss" aus der Hinterhand des Pferdes den Hund schnell für immer verstummen lassen würde, scheint der Hunderhalter noch nicht ganz erfasst zu haben. Diese Begegnungen sind alltäglich, aber so manche haarsträubende Sorglosigkeit bei den Hundehaltern hat so manches Pferd schon scheuen lassen.

Wenige Minuten später: Auf einem Weg, der eigentlich Reitern vorbehalten sein sollte, taucht plötzlich an einer unübersichtlichen Ecke ein sportbegeisterter Mountainbiker auf. Der von Pferdehufen aufgewühlte Boden scheint ein besonders beliebtes Terrain zu sein, um die robusten Stollenreifen von Crossrädern ausgiebig zu testen. Dass solche Biker fast immer in grell-bunten, penetranten "Outfits" auftreten, welche immer ein bisschen an männliche Paradiesvögel auf der Balz im Tropischen Regenwald erinnern, kommt erschwerend hinzu. Nun erschreckt sich auch mein Pferd, denn solche quietschbunten Trachten mögen die meisten Pferde gar nicht, zumal Pferde mit dieser Farbenvielfalt ohnehin nicht zurecht kommen.

Noch eine Spur schlimmer unter den dumpen Pedalrittern sind Rennradfahrer, wenn sie in Rudeln auftreten und auf der Straße nahezu lautlos hinter den Pferden mit hohem Tempo heran- und dann haarscharf am Pferd vorbeirauschen. Rücksichtnahme und Vorsicht ist auch hier meistens Fehlanzeige. Keine Minute scheint diesen wilden Horden aus bunten Fahrradfreunden klar zu sein, in welcher lebensgefährlichen Situation auch sie sich befinden, sollte ein scheuendes Pferd zur Seite und genau in die Fahrradherde preschen.

Reiten wir weiter unseres Weges: Ein Waldfreund hat den offiziellen Weg verlassen und pirscht durch das Unterholz, tritt unvermittelt hervor und bleibt, als er Pferd und Reiter sieht, wie angewurzelt stehen. Auch das ist der typische Auslöser für ein scheuendes Pferd. Immer wieder machen Autofahrer und Spaziergänger aus Unwissenheit den selben Fehler, nachdem sie durch ihr plötzliches Auftauchen schon für erste Irritationen gesorgt haben: Statt sich weiter dem Pferd vorsichtig und langsam zu nähern, damit das Pferd mit seiner speziellen visuellen Wahrnehmung das neue, unbekannte "Objekt" besser und schneller einschätzen kann, sorgen sie (natürlich in guter Absicht) durch das plötzliche Auftauchen und sofortige "Erstarren" erst recht für wachsende Unruhe beim Pferd.

Nächste Begegnung: Eine Vollblinse mit BMW

Noch eine rücksichtslose "Spezies" darf nicht vergessen werden: Landwirte, so sollte man meinen, sollten besonders viel Einfühlungsvermögen für die Vierbeiner auf ihren landwirtschaftlichen Wegen haben. Nicht zuletzt deshalb, weil heute für so manchen Landwirt der Reit- und Pferdesport die wichtigste Einnahmequelle und Existenzsicherung ist. Doch (und auch davon können sicherlich zahllose ReiterInnen ein Lied singen) fährt auf zahlreichen Traktoren nicht unbedingt die geballte Intelligenz mit.

Auf einem engen asphaltierten Feldweg, in jenem Pulheimer Ortsteil bekanntermaßen eine der "Hauptverkehrsadern" für Pferde nach dem Ausritt durch den nahen Staatsfort, blockiert ein Stroh anliefernder Landwirt mit Traktor und Gespann fast komplett den Durchgang. Und mehr noch: Das schon völlig ängstliche Pferd, das an diesem ungewohnten Gefährt vorbei gehen soll, sieht vor sich außerdem noch die bedrohlich aus der Einfahrt des (Reiter-!)Hofes das Stroh vom Wagen greifende Gabel eines weiteren Traktors! In der Traktorenkabine schaut gelangweilt die Bauerngattin dem gefährlichen Treiben mit dem eingepferchten Pferd zu, und auch der entladende Traktor sieht keinen Grund, für einen Moment beim Entladevorgang inne zu halten. Echte deutsche radikale Ignoranz eben.

Pferd auf der Weide
Gut, wenn sich die geballte Pferdekraft auf der Weide entlädt und nicht unter dem Reiter bei einer kopflosen Flucht.

Und nur wenige Minuten, nachdem mit Mühe das Pferd durch dieses gefährliche Nadelöhr geritten worden war, die nächste atemberaubende Situation: Eine arrogante, selbstverliebte Vollblinse im BMW und dem unvermeidlichen Riesenschnauzer auf dem Rücksitz rauscht von hinten auf das Pferd mit hoher Geschwindigkeit zu. Der Unmut des Reiters über diese unangepasste Geschwindigkeit und das nervöse Pferd quittiert die Frau mit der "Scheibenwischer-Geste", knallt nochmals kräftig mit der Autotür und rauscht davon.

Derweil nähern wir uns einer an zahlreichen Reiterhöfen vorbeiführenden, gut befahrenen Landstraße: Viele Autofahrer wissen nur zu gut, dass sie hier jederzeit mit querenden Pferden rechnen müssen, ein Warnschild weist sogar explizit darauf hin. Doch anstatt die Geschwindigkeit zu drosseln, gibt man dort gerne noch einmal richtig Gas, und so mancher unter'm Frühjahrs-Testosteron und quälenden Balzgelüsten leidende Cabriolet-Verkehrspenetrant lässt sogar bisweilen die Reifen quietschen. Oft sogar im Angesicht herannahender Pferde. Es grenzt an ein Wunder, dass es auf dieser Straße noch zu keinen nennenswerten Unfällen gekommen ist. Wieder sucht man Rücksichtnahme und ... Hirn vergebens im Land der "freien Fahrt für beschränkte Bürger".

Der Ausritt scheint "überstanden", der Hof schon vor Augen, da sorgt ein weißer Lieferwagen mit endgültig durchgeknallten Insassen noch für einen letzten gelungenen Ausstand und Höhepunkt: Mit unverminderter Geschwindigkeit rast das Gefährt von hinten auf dem landwirtschaftlichen Weg heran und nur wenige Zentimeter an Pferd und Reiter vorbei. Das ließ selbst abgebrühteste Spaziergänger fassungslos mit Kopfschütteln im Luftzug des davon rasenden Kleinlastwagens am Wegesrand erstarren.

1 ½ Stunden Ausritt und eine nicht erfundene Serie aus Begegnungen der schlimmen Art. Jede Situation bestens geeignet als Ouvertüre für Katastrophen, wie wir sie in unserer Einleitung zitierten. Wenn das Fluchttier Pferd einmal kopflos wird, da hilft kein Zügel und keine Reiterfahrung. Und auch in Fällen, in denen ein Pferd "nur" kurz scheut, buckelt und zur Seite springt, muss der zunächst "harmlose" Zwischenfall nicht immer folgenlos verlaufen: Wie bei einer jungen Frau, die nur wenige Tage nach einem kleinen Buckeln des erschreckten Pferdes überraschend ins Koma fiel und seither pflegebedürftig und schwerstbehindert ist. Ein kaum registrierter Halswirbelvorfall löste nämlich kurze Zeit später das verheerende Gerinsel im Gehirn aus.

Und jetzt aus anderer Perspektive

Ende des Kommentars? Nein. Drehen wir der Ausgewogenheit wegen die Medaille noch um. Dass viele Zusammentreffen von Reitern und Reiterinnen mit Fußgängern, Rad- und Autofahrern von wenig Harmonie geprägt sind, geht selbstverständlich auch zu großen Teilen auf das Konto der berittenen Fraktion! Wenn vor allem Fußgänger Reiter und Reiterinnen als arrogant, frech und hochnäsig bezeichnen, so ist das mehr als nur ein Vorurteil. Wer die täglichen kleinen und großen kriegerischen Auseinandersetzungen in deutschen Reitställen betrachtet, – sieht, wie dort vor allem zahlreiche Pferdehalterinnen mit einer unfassbaren geballten Portion an Penetranz und Bösartigkeit ihre Individualinteressen durchzuboxen versuchen, der gibt sich natürlich nicht der Illusion hin, dass derlei charakterliche Defizite bei Ausritten dann unbemerkbar bleiben würden.

Wie viele Autofahrer wurden schon an den Rand eines Tobsuchtsanfalls gebracht von einer Horde schnatternder Gänse zu Pferd, die auf ländlichen (auch für PKW zugelassenen) Wegen die Straße gleichgültig Pferd neben Pferd blockieren und die Autos im Schritttempo hinter sich herrollen lassen. Nach dem Motto "Hoppla, jetzt kommen wir!" perlen die Schimpftiraden erboster Autofahrer an den arroganten Reiterinnen einfach ab.

Wie viele Fußgänger wurden schon an den Rand eines Tobsuchtsanfalls gebracht von großen dampfenden Bergen kunsthandwerklich geformter Pferdeäpfel mitten auf den Spazierwegen des Waldes, weil rücksichtslose Reiter und Reiterinnen kurzerhand die ihnen zugewiesenen (weil manchmal schmutzig, matschigen) Reitwege verlassen und statt dessen lieber die intakten Wege der anderen Erholungssuchenden durchpflügen und teilweise zerstören. Auch hierbei werden ermahnende Worte der Spaziergänger oft nur hochnäsig-arrogant "hoch zu Ross" abgewimmelt.

Und letztlich dürfen wir all jene Pferdehalter und Pferdehalterinnen nicht vergessen, die ihre eigenen Pferde zu potenziellen Gefahrenquellen und kleinen Pulverfässern geradezu heranziehen. Pferde, die monatelang nicht mehr sehen dürfen als ihre enge Box, den Innenhof des Pferdedomizils und ab und an für ein halbes Stündchen den Paddock (oft noch ohne Herdenanschluss), sind weder ausgeglichen, noch zuverlässig, noch trainiert für den Saisonstart im Gelände. Solche Pferde, denen wegen mangelnden Auslaufs und fehlender sozialer Kontakte in der Herde jegliche seelische Balance fehlt, sind im Gelände naturgemäß hypersensibilisiert und eine regelrechte Zeitbombe. Und bei diesen Pferden genügt bereits das überraschend hervorpreschende Rebhuhn, um eine fatale Kausalkette einzuleiten.

Wer auch immer für das vermutlich auf ewig zerstörte gesunde Leben der beiden schwer verletzten jungen Reiterinnen in unserer Ausgangsmeldung verantwortlich gewesen ist. Fakt ist: Was sich Tag für Tag im Zusammentreffen von Pferd, Reitern, Fußgängern, Radfahrern und motorisierten Zeitgenossen abspielt, gleitet oft nur mit sehr viel Glück nicht in ein schlimmes Drama ab. In einer Gesellschaft, in der mehr und mehr Egomanen, Egozentriker und Narzissten den Ton angeben, geht man auch in diesem Wechselspiel mittlerweile im wahrsten Sinne des Wortes .... über Leichen! –  In diesem Sinne:   pferdeglueck.de   wünscht allen Pferdefreunden in der neuen Freiluftsaison 2017 "Hals- und Beinbruch"!


Leserzuschrift zu diesem Artikel:

Wir müssen öfter reden!


Hallo,

ich bin ein Feldweg-Radler, der in mühsamen Gesprächen die Probleme der Reiter hoffentlich verstanden hat. Ihre Darstelllung "aus anderer Perspektive" zeigt, dass die Redaktion nicht in Scheuklappen denkt.

Gut, ich wünsche mir mehr Bewusstsein gegenüber den riesigen, unhygienischen Kotbergen, die unvermeidbar sind, aber nach dem Bundesgesetz im öffentlichen Raum zu entfernen sind, analog zu Hundehäufchen. Aber, so macht jeder Freizeitler seine Umweltverschmutzung.

Für mich ist erschreckend wieviel Unverstand unter meinen unbepferdeten Mitbürgern herrscht und wünsche mir mehr Aufklärungsarbeit Ihrerseits über das herrliche Stück Natur (Pferd) in die Bevölkerung hinein.

Wir müssen öfter reden.

Mit freundlichen Grüßen
HMS


  
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