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Pferdegeschichten: Hof-Insolvenz

Die Geschichte des Herrn M.

Wenn die Kosten davon galoppieren und man kaufmännisch nicht fest im Sattel sitzt

Ein Kommentar von Guido Gennerich

Beispielfoto Haflinger

Wir kennen den Anblick noch zur Genüge: In brütender Frühjahrs-Hitze ächzende Pflanzen auf ausgedorrten Feldern. Als sich diese Lage im weiteren Verlauf des Sommers 2011 endlich entspannte, setzte der Landwirtschaft permanente Feuchtigkeit zu. Getreide konnte gar nicht oder nur in viel zu geringen Mengen eingefahren werden, die Heuernte ging mit ähnlich katastrophalen Ergebnissen zu Ende.

Das wird nicht nur die Lebensmittelpreise drastisch ansteigen lassen, auch die Futtermittelkosten explodieren auf vielen Höfen seit Monaten. Somit stöhnen auch Reiterhöfe mehr und mehr über kaum noch bezahlbare Preise für Stroh und Heu. Höfe, die solche Futtermittel nicht in erheblichem Umfang selber produzieren und schon vor dieser neuen Misere finanziell angeschlagen waren, dürften diese Krise auf Dauer kaum überleben. Denn die Wetterkapriolen in 2011 sind erst der Anfang einer vermutlich längeren Serie.

Eines dieser Opfer in unserer unmittelbaren Nachbarschaft: Das Haflingergestüt "Ziegelhof" in Anstel, einem kleinen Ort im Rheinland, wo rund 58 Haflinger, von der 28-jährigen Larissa bis zur erst einjährigen Lilifee, bislang ihr Zuhause fanden. Vor einigen Wochen wurde das Insolvenzverfahren eröffnet und am heutigen 12. November 2011 stand die Zwangsversteigerung des gesamten Pferdebestandes auf der Tagesordnung. Nur in letzter Minute soll nun eine einzelne Käuferin diesen Bestand für 50.000 EUR erworben und diese Versteigerung zunächst abgewendet haben. Auch die Haflinger müssen (noch) nicht umziehen.

Aufatmen beim Insolvenzverwalter, Rechtsanwalt Martin Lambrecht, dem vorerst eine sehr emotionale Zwangsversteigerung auf dem Ziegelhof erspart geblieben ist. Doch natürlich ist Martin Lambrecht bewusst, dass dies keine dauerhafte Lösung sein wird und wahrscheinlich auch keine Rettung für den Ziegelhof. Zu viele Altlasten haben sich angesammelt, zu hoch sind die erdrückenden Schulden, zu aussichtslos ist das Geschäftsmodell des Hofes mit Blick auf die gegenwärtigen schwierigen Rahmenbedingungen. Wenn also die wundersame Retterin der 58 Haflinger nicht noch ein tragfähiges Konzept nachreicht, hat man den Haflinger-Herden wohl nur eine überschaubar kurze Gnadenfrist verschafft. Diese neue Entwicklung "streichelt" zwar vorerst die Seelen besorgter Pferdefreunde, dauerhaft helfen (wenn überhaupt) kann dem Ziegelhof aber nur noch ein Fachmann, der sich nicht von Emotionen, sondern von knallharten Fakten und Zahlen beeinflussen lässt.

Man beachte: Das insolvente Haflingergestüt "Ziegelhof" steht vor einem Schuldenberg aus mehr als zwei Millionen Euro. Zwei Millionen Euro! Bei dieser Zahl muss man sich erst einmal die Augen reiben und vermutet zunächst einen Schreibfehler. Bei allem Entsetzen oder Mitgefühl angesichts der laufenden Insolvenz-Tragödie sollte dieses mahnende Beispiel also trotzdem einige sachlich-kaufmännische Fragen aufwerfen:

Wie konnte so ein kleiner beschaulicher Hof diese gewaltigen Verbindlichkeiten aufhäufen? Zwei Millionen Euro: Die sind bislang nur von wenigen anderen insolventen Höfen dieser Größenordnung und dieser Art getoppt worden. Wer hat das Betreiber-Ehepaar ins Messer rennen lassen, sie nicht davon abgehalten, sich immer tiefer in den eigenen Ruin zu wirtschaften? Warum gaukelte das Ehepaar bis zuletzt nach außen die "heile Welt" vor, anstatt rechtzeitig einen Hilferuf auszusenden?

Beispielfoto Haflinger

Im Club der 60 Gläubiger zählen das Finanzamt (wen wundert es) und eine Bank (wen wundert es) zu den Hauptgläubigern. Hat eine Bank also womöglich (sogar mehrfach) den Hof mit Fremdkapital ausgestattet, obwohl jedem Kenner der Szene hätte klar sein müssen, dass das auf unzähligen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten basierende Geschäftskonzept des Hofes zwar manch kleinere Krise hätte überstehen können, aber keine ausgewachsene strukturelle Veränderung? Der Hof auf rund 50.000 m² Fläche, von dem Ehepaar im Mai 1989 erworben, setzte auf Haflinger(zucht), Reitschule/Reittherapie, Ferienprogramme, Pensionsgäste und verschiedene saisonale Angebote. Boxen für Einsteller, die regelmäßige und fixe Einnahmen in die Kasse gespült hätten, gehörten auf dem Gelände dieser ehemaligen Ziegelei nicht zum Angebot.

Doch auch die Reitschule stand seit jeher auf wackeligen Füßen. Die Hauptkundschaft, nämlich Kinder und Jugendliche, war hauptsächlich davon abhängig, mit dem elterlichen Auto zum Unterricht gefahren zu werden. Denn der zwar idyllisch, aber ziemlich abseits gelegene Hof konnte von den Kindern per Fahrrad nur über einsame Rad-/Feldwege und/oder stark befahrene lebensgefährliche Landstraßen erreicht werden. (In dunklen Herbst- und Wintermonaten ohnehin völlig undenkbar.) Inzwischen aber haben tief greifende strukturelle Veränderungen in unserer Gesellschaft stattgefunden. Viele Eltern haben oft keine Zeit oder keine Gelegenheit mehr, pausenlos Taxi für ihre Sprösslinge zu spielen, zumal die "Terminkalender" vieler Kinder und Jugendlicher heute ohnehin mit unzähligen Verpflichtungen (bis hin zum Ganztagsunterricht) prall gefüllt sind.

Der Hof selber gibt auf seiner Website immer noch an, rund 300 Reitschüler jede Woche begrüßen zu können. Daraus ergäben sich rein rechnerisch (Reitunterricht non-stop von Montag bis Sonntag vorausgesetzt) täglich mindestens vier Abteilungen (!) zu maximal 10 Schülern! Daraus wiederum könnten monatlich fast 20.000 EUR Einnahmen nur aus einem regulären Reitunterricht generiert werden, legt man aktuell übliche Preise dieser Branche zugrunde. Indes: Uns ist kein einziger Reitstall bekannt, der jemals diese geradezu traumhaften Zahlen hat vorlegen können, selbst in Spitzenmonaten nicht. Nun wollen wir hier nicht den sicherlich regen Publikumsverkehr und den hohen Spaßfaktor auf dem Ziegelhof infrage stellen. Offenbar schlug sich das aber nicht in erhofftem Umfang auf der Umsatzseite nieder. Laut Insolvenzverwalter kann der Hof heute nicht einmal mehr die Verpflegung für den Pferdebestand erwirtschaften!

Beispielfoto Haflinger

Apropos Pferdebestand: Auch die Veränderungen auf dem Pferdemarkt, wo immer mehr auf den Preis und weniger auf die Herkunft des Wunschpferdes geachtet wird, kamen nicht unerwartet und überraschend, sondern zeichneten sich seit Jahren ab. Wirklich engagierte seriöse Pferdezüchter können heute ihre Vorleistungen bei der Aufzucht ihrer Tiere kaum noch erwirtschaften. Der Ziegelhof hatte zudem komplett nur auf eine Pferderasse gesetzt, eine weitere Hürde für den reibungslosen Absatz auf einem übersättigten Markt.

Obwohl die immensen Zahlungsschwierigkeiten des Ziegelhofes bestimmt nicht über Nacht gekommen sind, hat der Hof seinen gewaltigen Haflinger-Bestand parallel zur Gewinn-/Verlustentwicklung nicht etwa abgebaut, sondern er blieb bis heute nahezu konstant. Hier sollen jetzt nicht die Schmerzen klein geredet werden, die ein Abschied von jedem lieb gewonnenen Pferd bedeutet. Aber die aktuelle Entwicklung hat wieder einmal gezeigt, wie unnötiges "Warten auf bessere Zeiten" und das beharrliche Aussitzen eines stetigen Umsatzrückganges irgend wann den kompletten Hof und den kompletten Pferdebestand an den Rand des Abgrundes manövrieren können!

Zwar gehören Haflinger zu den beliebtesten Familienpferden auch in Deutschland, aber genau hieraus folgt die nächste Problematik: Als Familienpferd spricht man genau jene Klientel und potentiellen Käufer an, die seit Jahren ganz besonders auf die Anschaffungs- und Haltungskosten achten müssen. Mehr noch: Es sind genau diese Familien, die aus finanziellen Gründen zur Zeit ihre eigenen Pferde für geradezu haarsträubend niedrige Preise zusätzlich in den Markt streuen. Wer muss also heute für einen gut gerittenen Haflinger noch zum Züchter, wenn es gepflegte Privatpferde schon für wenige hundert Euro gibt (bei dramatischen Engpässen manchmal sogar geschenkt)?

Eine weitere potenzielle Einnahmequelle für den Ziegelhof ist die Vermietung von Zimmern an Pensionsgäste. Ein sicherlich ebenfalls engagiert und liebevoll umgesetzter Ansatz, der für diverse Kurzbesuche und Zwischenstopps gewiss auch genutzt wird. Ob allerdings Familien bei den Planungen eines längeren Erholungsurlaubes für sich oder ihre Kinder ausgerechnet von einem Aufenthalt in . . . Rommerskirchen-Anstel, im Dunstkreis riesiger (petro)chemischer Anlagen, träumen, darf bezweifelt werden.

Wie auch immer: All das sind eher Spekulationen über die Hintergründe des "Ziegelhof"-Dramas. Aber ein anderes Beispiel, das uns umso detaillierter bekannt ist, soll die Probleme vieler Höfe dieser Art einmal verdeutlichen. Wir erinnern uns dazu an den kürzlich verstorbenen Inhaber einer inzwischen von den Erben verkauften Reitschule. Getrieben von der Leidenschaft für Pferde und Reitsport machte sich Herr M. vor einem Vierteljahrhundert selbständig. Und damit begann eine mehr als 25-jährige Zitterpartie. Der Pleitegeier gehörte zu den treuesten Stammgästen des gepachteten Hofes. Viele Ursachen dafür waren meistens dort zu finden, wo Herr M. sie am liebsten verdrängte: Bei sich selber.

Die "Bargeldkasse" waren die Hosen- und Jackentaschen. Die "Buchhaltung" bestand aus unzähligen kleinen und großen Notizzetteln; Verträge und andere wichtige Unterlagen landeten nicht in Ordnern, sondern in zahllosen Schubladen und Ablagefächern. Und so manches war im Notfall unauffindbar. Abgesehen davon, dass unter "Pferdeleuten" traditionell die Unsitte grassiert, eh vieles "per Handschlag" zu besiegeln (was im Streitfall also nicht beweisbar ist). Ausgabebelege wurden, wenn überhaupt, nur halbherzig abgelegt, gingen ebenfalls nicht selten verloren.

Zwar wurde ein Steuerberater involviert, dem wurde aber mit normaler Post und nur sporadisch eine chaotische Papiersammlung geschickt. Ob der Steuerberater alle Unterlagen jemals erhielt und buchte, Niemand weiß das, Niemand prüfte das. Viele Einnahmen wurden gerne überhaupt nicht verbucht, in der Hoffnung, dem Finanzamt "ein Schnippchen schlagen zu können". Das sorgte nicht nur für zusätzliche Verwirrung und Chaos, sondern war zudem völlig überflüssig, da der Hof auch bei sorgfältiger Verbuchung keine nennenswerten Gewinne erzielt hätte. Glücklicherweise begrenzten im Fall von Herrn M. die Banken schon frühzeitig den Kreditrahmen, was eine unkontrollierte Schulden-Explosion verhinderte.

Beispielfoto Haflinger

Letztlich wusste Niemand so genau (am allerwenigsten der Inhaber), welche exakten Einnahmen welchen Fixkosten jeden Monat gegenüber standen. Budgets, Gewinn-/Verlustrechnungen, Umsatzprognosen usw. - das waren für den Pferdefreund M. Begriffe aus einer fremden Welt, der er sich hartnäckig verweigerte. Auch Vorschläge vieler Freunde, alles in ein schnell abrufbares und überschaubares Computerkonzept zu übertragen, wurde vehement abgelehnt. "Das habe ich nie gebraucht und werde ich nie brauchen!" so die resolute Antwort. Tatsächlich aber steckte hinter dieser Weigerung wohl mehr die Furcht vor einer Transparenz, die den beschaulichen Mikrokosmos des Hofes in die harte kaufmännische Realität katapultiert hätte.

Immer war das Geld knapp, sodass nur ganz wichtige Rechnungen bezahlt wurden, die mahnend an den Wänden des Reiterstübchens baumelten. Dennoch wurde in so manchem Monat sogar das Telefon gesperrt. Viele Rechnungen wurden erst nach zahllosen Mahnungen bezahlt, was weitere Kosten für Mahnwesen und Mahnbescheide nach sich zog. Als der Steuerberater nicht mehr bezahlt werden konnte, wurden auch die Steuererklärungen an das Finanzamt versäumt, was jene bekanntlich stets unnachgiebige Behörde sofort mit aberwitzigen "Schätzungen" für bevorstehende Geschäftsjahre beantwortete und Vorauszahlungen einforderte, die der Hof ebenfalls nicht leisten konnte. Da im Chaos der nicht auffindbaren Belege Niemand wirklich durchblickte, konnte dem Reitschulbetreiber auch Niemand wirklich helfen, selbst wenn man es gewollt hätte. Ohnehin standen Stolz und auch eine gehörige Portion Hochmut bei Herrn M. jeder effizienten Hilfestellung im Wege. Die Fristen des Finanzamtes liefen somit ab, neue Mahnbescheide trafen ein.

Irgendwann kapitulierte Herr M. vor seinen Schwierigkeiten und verdrängte nur noch seine Probleme. Dennoch schaffte er es auf wundersame Weise, sich stets ins nächste Jahr zu retten. Freunde und Familienmitglieder wurden angepumpt, mit Gläubigern (bis hin zum Finanzamt) wurden wieder und wieder Ratenzahlungen vereinbart, denn auch den Gläubigern war klar, dass ein weiter arbeitender Betrieb mehr Geld in die Kasse spülen würde als eine Insolvenz. Zumal es natürlich auch bessere Monate gab, die einen Teil der aufgehäuften Schulden im fünfstelligen Bereich abbauen halfen. Auch der Verpächter ließ sich auf unregelmäßige Zahlungen ein. Zudem rückte Herr M. von seiner ursprünglichen Maxime "Keine Einsteller, die bringen nur Ärger" ab und vermietete Boxen, was die Unsicherheit rund um die unzuverlässige Reitschul-Laufkundschaft etwas entschärfte.

Mit Herzblut, Engagement, Stolz und Enthusiasmus brachte Herr M. seinen kleinen Betrieb ein Vierteljahrhundert über die Runden. Ob der Betrieb nun auch die neue Krise rund um die explodierenden Futtermittelkosten überlebt hätte? Vermutlich nicht. Ein drastisches Beispiel, gewiss. Aber wirklich so weit entfernt vom Alltag in manch anderem kleinen Reitstall? Wenn jetzt also auf so manchem Hof der letzte Akt eines jahrelangen Dramas beginnt und demnächst der Vorhang fällt: Am Engagement dürfte es sicher nie gemangelt haben. Wohl aber oft genug am Realismus für profane kaufmännische Fakten und Daten. Und: Der mutigen Bereitschaft, sich diesen nackten betriebswirtschaftlichen Tatsachen rechtzeitig zu stellen und die Notbremse zu ziehen . . .

(Die Bilder zu diesem Kommentar stammen übrigens nicht vom Ansteler Ziegelhof, sondern von unserem Redaktionsmitglied Claudia Nehls, Tierheilpraktikerin und engagierte Haflinger-Besitzerin.)

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