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Stichwort: Sommerekzem

Die Mückeninvasion 2014 beginnt

Und mit den Plagegeistern kehrt bei vielen Pferden das Sommerekzem zurück

Von Claudia Nehls

Unter Sommerekzem fasst man die allergische Reaktion auf den Speichel von Kriebelmücken, Gnitzen oder Stechmücken (im Sprachgebrauch bzw. in unseren Breitengraden zoologisch meist Culicuides Spezies) zusammen. Auslöser dieser allergischen Reaktion ist der Speichel der blutsaugenden Weibchen. Die Ursache einer allergischen Reaktion findet sich jedoch im Immunsystem des an Sommerekzem erkrankten Pferdes. Eine Therapie kann nur erfolgversprechend sein, wenn diese die Überreaktion des Immunsystems (= Allergie) zu regulieren versteht, demnach sollte eine Therapie auch hier ansetzen.

Haflinger Silva

Großflächig war Haflinger Silva vom Sommerekzem betroffen, auch hier konnte erst eine individuelle, langfristige Therapie helfen.

Die Therapie und Regulation von allergischen Erkrankungen benötigt vom Pferdebesitzer in erster Linie Geduld, Ausdauer und Konsequenz in der Behandlung – Spontanheilungen gibt es selten. Die Therapie des Sommerekzems kann Jahre andauern, jedoch sollten sich erste Erfolge bereits nach einigen Wochen einstellen. Bis jedoch eine völlige Regulation der allergischen Erkrankung eintritt, verstreicht meist eine lange Zeit. Unmöglich ist die Heilung des Sommerekzems deshalb aber noch lange nicht.

Bringt der Pferdebesitzer die nötige Geduld auf, so verspricht eine ganzheitliche Therapie, die bei Fütterung und Haltung als Grundvoraussetzung einer Regulation ansetzt (und diese nicht unberücksichtigt lässt) den größten Erfolg, und viele Pferde werden innerhalb von wenigen Jahren völlig symptomfrei und bleiben es dann ihr Leben lang. Andererseits: Die Neigung zu allergischen Erkrankungen behalten sie jedoch ebenfalls ihr Leben lang. Sommerekzemer, die innerhalb weniger Wochen oder Monate dann symptomfrei leben, gibt es zwar auch, jedoch sind diese eher Ausnahmen.


  

Therapiemöglichkeiten:

Eine Therapie, die bei jedem vom Sommerekzem betroffenem Pferd Erfolg verspricht, gibt es nicht. Jedes Pferd ist ein individueller Patient, daher sollte auch die Therapie immer eine individuell auf das betroffene Pferd abgestimmte Therapie sein. Das "Schema F" gibt es leider nicht. Nachstehend werden die unterschiedlichsten therapeutischen Ansätze kritisch beleuchtet:


 
  Cortikoide:
 

Cortison wird zur Immunsuppression eingesetzt, also mit einer das Immunsystem unterdrückenden Wirkung. Kortisonpräparate werden sowohl durch Cortikoid-Injektion wie durch Auftragen cortikoidhalter Salben und Lotionen eingesetzt: Mit dem Ziel, den Juckreiz zu lindern. Der lokale Einsatz ist zwar bedeutend ungefährlicher als der innerliche Einsatz, macht die Haut jedoch nicht gesünder, sondern auf Dauer nur noch anfälliger und empfindlicher. Der Vorteil liegt darin, dass der Juckreiz in der Regel gemindert wird bzw. bei Erfolg auch ganz verschwindet.

Veterinärmedizinisch werden meist Kortisonpräparate eingesetzt. Problematisch wird bei innerlicher Gabe des Kortisons in erster Linie die Gefahr, dass diese eine Hufrehe auslösen kann. Schaut man sich die Hintergründe einer Allergie an, zu denen meist ein Überangebot von Protein gehört (die Pferde leiden demnach oft an einem Proteinüberschuss und daraufhin erhöhten Leberwerten), so ist der Einsatz von Kortison beim Sommerekzemer besonders gefährlich mit Blick auf einen möglichen Hufrehe-Schub.

Hinzu kommt, dass an Sommerekzem leidende Pferde durch dementsprechende Disponierung (Rasse, Fütterung, ggf. Übergewicht usw.) in der Regel auch eine Neigung zur Hufrehe-Erkrankung aufweisen, was den Einsatz von Kortison noch problematischer macht. Zu den negativen Nebenwirkungen können auch Magengeschwüre, Muskelschwund, Leberschädigung, Osteoporose, Cushing, Nieren- und Leberprobleme und vieles mehr gehören. Der Einsatz von Kortison sollte demnach sehr gut abgewogen und möglichst (zumindest, was die innerliche Verabreichung betrifft) vermieden werden. Kortison sollte demnach ein Notfallmittel bleiben – von einem leichtfertigen Einsatz ist abzuraten.

Haflinger Silva

Sommerekzeme sind beherrschbar: Hier Halflinger Silva von unserem Einstiegsfoto (oben) nach einer speziell ausgerichteten Therapie.


 
  Antibiotika:
 

Je nach Folgeerscheinungen des Sommerekzems werden häufig auch antibiotische Präparate eingesetzt: Auch deren Einsatz sollte mit Blick auf mögliche Nebenwirkungen gut bedacht werden und ausschließlich dann erfolgen, wenn das Antibiotikum sich aufgrund tiefgreifender Entzündungen als notwendig erweist. Vorsichtshalber Antibiotika einzusetzen, wie es in der Praxis häufig geschieht, sollte nicht das Mittel der Wahl sein.


 
  Antihistaminika:
 

Antihistaminika blockieren das Histamin, das für die Auslösung und Vermittlung einer allergischen Reaktion eine große Bedeutung hat. Antihistaminika können innerlich und äußerlich angewandt werden. Die Nebenwirkungen hängen hier stark vom angewandten Antihistaminikum ab. Mit verschiedenen anderen Medikamenten, beispielsweise sedierenden Präparaten, kann es zu Wechselwirkungen kommen.


 
  Pilzimpfung:
 

In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass ein Impfstoff gegen Hautpilze auch wirksam das Sommerekzem bekämpfen kann. Das funktioniert zwar nicht immer (wie bei allen anderen Therapiemöglichkeiten), hat sich jedoch bei einigen Pferden bewährt. Wie bei jeder Impfung sind auch hier kontraproduktive Nebenwirkungen nicht auszuschließen.


 
  Eigenbluttherapie:
 

Blut wird aus der Halsvene entnommen und in Brust oder Hals unter die Haut bzw. in den Muskel gespritzt. Diese Behandlung soll eine Immunmodulation durch eine Reaktion auf das zurückgespritzte Blut, das außerhalb der Gefäße wie ein Fremdeiweiß bekämpft und abgebaut wird, erreichen. Im Vergleich zu Fremdeiweißen kann das eigene Blut dabei keine Schockreaktionen auslösen.


 
  Gegensensibilisierung:
 

Hier wird das Blut des Pferdes aufbereitet. Aus dem Blut des allergischen Pferdes werden Antikörper mit Serumaktivatoren versetzt. Serumaktivatoren sind beispielsweise Kieselsäure oder Aluminiumhydroxid. Es entsteht ein Komplex aus autologem Antikörper und dem Aktivator. Die Reininjektion dieses Komplexes regt den Körper an, gegen den eigentlich eigenen Antikörper eine Abwehr zu bilden. Dies bezeichnet man als Anti-Antikörper. Trifft dann ein Antigen (Mückenspeichel) auf das betroffene Pferd, entstehen im Pferd zu viele Antikörper gegen den Mückenspeichel (überschießende Immunreaktion). Die gewonnen Anti-Antikörper können mit diesen reagieren und so einen Teil der zu großen Zahl Antikörper abfangen und anderweitig beschäftigen.

Wallach Poko

Für die neue Besitzerin eine böse Überraschung: Nur kurze Zeit nach dem Kauf entpuppte sich auch Friese/Knappstrupperwallach Poko als Ekzemer.


 
  Desensibilisierung:
 

Hierbei wird ein verdünnter Extrakt der heimischen Mückenarten unter die Haut gespritzt. Die Injektionen erfolgen in steigenden Dosen. Unerwünschte Nebenwirkungen können hier ebenfalls fallweise auftreten.


 
  Homöopathie:
 

Die Homöopathie soll die Selbstheilungskräfte des Immunsystems anregen, eine Regulation der überschießenden Immunreaktion herbeizuführen. Homöopathische Mittel können entweder nach Konstitution, die sogenannten Konstitutionsmittel, oder auch nach dem vorhandenen Erkrankungsbild, das individuell erfasst werden sollte, gewählt werden. In der Homöopathie arbeiten wir mit Einzel- oder Komplexmitteln oder auch mit Organpräparaten und Nosoden. Damit eine homöopathische Therapie Erfolg verspricht, sollten die Mittel individuell auf den Patienten abgestimmt und ausgewählt werden. Bewährte Mittel auszuprobieren verspricht bei den meisten Pferden nur wenig Erfolg.


 
  Phytotherapeutika:
 

Die Therapie mit Kräutern und Pflanzen verspricht insoweit Erfolg, wenn diese so ausgewählt werden, dass sie die Ursachen des Sommerekzems berücksichtigen. Ursachen liegen in der Regel in einem Proteinüberschuss, Stoffwechsel- bzw. Hautstoffwechselstörungen, erhöhten Leberwerten und Problemen bei der Entgiftung. Weitere "gängige" Verfahren finden sich in der Bioresonanztherapie und der Akupunktur.


 
  Lokale Mittel:
 

Erhältlich in Form von Fliegenbändern, Ohrmarken, Salben, Gels, Lotionen und Sprays. Glücklicherweise sind frei verkäufliche Mittel in der Regel unschädlich und ungiftig und beruhen meist auf natürlichen Wirkstoffen. Ausnahmen sind verschreibungspflichtige, also ausschließlich über den Tierarzt zu beziehende Mittel. Ob diese eingesetzt werden können, sollte der Pferdehalter sehr gut abwägen, da auch beim lokalen Einsatz von Insektiziden/Pyrethroiden unschöne Nebenwirkungen, wie beispielsweise Vergiftungen, Zittern, Unruhe usw., auftreten können.

Aber Vorsicht:
Auch natürliche Mittel können durch die enthaltenen ätherischen Öle Allergie auslösend wirken, daher gilt auch hier der Grundsatz: Was dem einen Pferd eine große Hilfe bei der Bekämpfung von Juckreiz bzw. Insektenabwehr ist, kann bei einem anderen Pferd zusätzlicher Allergie-Auslöser sein! Hier hilft meist nur Ausprobieren, wie und ob das jeweilige Mittel beim eigenen Pferd wirkt.

Lokal einzusetzende Mittel sollten in dreierlei Hinsicht wirken: Zum einen sollen sie den Juckreiz lindern bzw. beseitigen, zum anderen Insekten abwehren und zudem noch etwaige Wunden heilen. Da diese unterschiedlichen Wirkungen mit einem einzelnen Produkt nicht erreichbar sind (ein insektenabweisendes Mittel kann nicht gleichzeitig vorhandene Wunden, die durch das Scheuern entstanden sind, heilen und zugleich auch noch den Juckreiz auf den bereits sehr empfindlichen und geschädigten Hautbezirken lindern oder beseitigen) sollte der Einsatz verschiedener Produkte erfolgen.


 
  Ekzemerdecken:
 

Sie stellen sicher eine Hilfe dar – Haut und Fell sollten jedoch zwischendurch auch einmal "Luft schnappen" können, um gesund zu bleiben. Beim ständigen Tragen einer Ekzemerdecke fehlt der Haut Luft und Licht, was dann wiederum zu verschiedenen anderen Problemen führen kann.


Ob und welchen Erfolg die oben genannten Therapien versprechen, bleibt – wie gesagt – immer dem Einzelfall vorbehalten. Eine Kombination verschiedener Therapien kann sowohl sinnvoll wie auch völlig kontraproduktiv sein: Die richtige Kombination ist der Kardinalsweg. Gleich welche Therapiemöglichkeit der Pferdebesitzer wählt und ausprobiert, meine dringende Empfehlung ist, bei der Fütterung und Haltung des Sommerekzemers anzusetzen, diese zu optimieren und speziell auf das erkrankte Pferd abzustimmen.

Eine Therapie kann nur dann Erfolg versprechen, wenn Fütterung und Haltung den Erfolg ebnen, indem sie die allergische Überreaktion auf den Speichel der Mücken berücksichtigen. So versprechen sämtliche regulierenden und ursächlichen Therapien nur wirkliche Erfolge, wenn die Grundvoraussetzung die Richtige ist. Bei einem Pferd, das auf fetten Weiden gehalten, sich wenig bewegt und ggf. noch stark übergewichtig ist, wird keine Therapie langfristig greifen können. Hier kann man ggf. immunsuppressiv therapieren mit der Gefahr, dass zudem noch ein akuter Hufrehe-Schub auftritt.

Ein Pferd indessen, das eine allergenarme (= natürliche), karge und angemessene Fütterung in artgerechter Haltung genießt, wird für eine ursächliche Therapie empfänglicher sein und – mit etwas Geduld – auf einen guten Weg gebracht werden können. Vor jedem Therapiebeginn, gleichgültig für welchen Weg man sich entscheidet, sollten daher dringend Fütterung und/oder Haltung optimiert werden. Es nutzt es wenig, täglich homöopathische Mittel zu verabreichen (auch, wenn diese passend gewählt wurden), wenn zugleich ein Proteinüberschuss und erhöhte Leberwerte vorliegen und nicht regulierbar sind, weil täglich zuviel Protein zugeführt wird.

Auch ein Pferd in der Nähe eines stehenden Tümpels mit Mückenplage ist nicht therapierbar, da die Belastung durch die Mückenpopulation so immens ist, dass eine Therapie lediglich etwas lindern kann, sich aber der Mückeninvasion meist geschlagen geben muss.




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