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Der Kommentar

Die berüchtigte Spreu im Weizen

Im Paragraphenreiter-Land erstaunlich: Tierheilpraktiker kann sich Jeder nennen

Von Claudia Nehls

Fast in jedem Stall hängen sie aus: Zahlreiche Flyer, auf denen Tierheilpraktiker aus der Region ihre Dienste feil bieten. Im überregulierten Deutschland, wo der berüchtigte Amtsschimmel schier an jeder Ecke lauert und wiehert, gibt es hingegen für (Tier-)Heilpraktiker praktisch keine allgemein gültigen Mindest-Standards. Will heißen: Tierheilpraktiker nennen kann sich quasi Jeder nach Lust und Laune, – klare geregelte Ausbildungsgänge und Abschlüsse gibt es nicht. Kein Wunder, wenn es da vielen Pferdehaltern schwer fällt, die berühmte "Spreu vom Weizen" zu trennen. Claudia Nehls kommentiert daher zahlreiche Aspekte, die man bedenken sollte.

Die bekannteste und wohl auch effektivste Form der naturheilkundlichen Behandlung ist die Homöopathie und Phytotherapie. Die Homöopathie und Phytotherapie (= Kräutertherapie) wird in aller Regel von Tierheilpraktikern angeboten. Eine homöopathische Behandlung wie auch der Einsatz der Kräutertherapie findet bei allen Erkrankungen ein sinnvolles Einsatzgebiet. Je nach Erkrankungsbild kann eine naturheilkundliche Therapie auch in Kombination mit einer veterinärmedizinischen Therapie erfolgen und erscheint in vielen Fällen als sinnvolle Ergänzung der veterinärmedizinischen Therapie.

Haflinger/THP Nehls
Claudia Nehls l(i)ebt ihren Beruf und deshalb haben auf ihrem Hof nicht nur viele Findeltiere ein Zuhause gefunden, sondern fordert auch eine stattliche Pferdeherde Rund-um-die-Uhr-Betreuung.

Im Grunde genommen kann jede Erkrankung homöopathisch therapiert werden, gleich, ob es sich um eine akute, subakute, allergische oder chronische Erkrankung handelt. Die Ansicht, dass lediglich chronische Erkrankungen im Wege der Naturheilkunde behandelt werden können/sollten, ist falsch. Auch bei akuten Erkrankungen eröffnet sich ein breites Einsatzgebiet für die Mittel der Naturheilkunde, Homöopathie und Phytotherapie. Der Tierheilpraktiker sieht dann das Pferd als "Ganzes". Nicht allein die Erkrankung steht im Mittelpunkt der Therapie, sondern das gesamte Pferd mit all seinen Facetten, Lebensbedingungen, der Fütterung, der Haltung und einem möglichen Arbeitseinsatz. Der gesamte Organismus des Pferdes wird in die Therapie mit einbezogen.

Die Homöopathie, Naturheilkunde, Alternativmedizin und Phytotherapie bieten ein breites Behandlungsspektrum mit vielen Variations- und Kombinationsmöglichkeiten, wie der Osteopathie, der Physiotherapie oder einer ergänzenden Verhaltenstherapie und lässt sich allein oder ergänzend sowohl zur Veterinärmedizin als auch zu weiteren alternativen Therapieformen in ihrer Komplexität bei jeder Erkrankung einsetzen.

Eine effektive Therapie bei vielen Erkrankungen kann, wie schon erwähnt, jedoch nur erfolgen, wenn das Augenmerk auch auf eine ganzheitliche Behandlung gelegt wird. Der Einsatz von homöopathischen Mitteln ist nur dann sinnvoll, wenn die Fütterung, Haltung und die gesamten Lebensumstände für das betroffene Pferd in seiner Erkrankung "passen". Leidet ein Pferd beispielsweise an einer chronischen Bronchitis, würde die Homöopathie ebenso wie alle anderen Therapien keine zufriedenstellende Wirkung zeigen, wenn das Pferd weiterhin unter Bedingungen leben muss, die jede Linderung/Heilung boykottieren (wie beispielsweise in einer von Ammoniak durchsetzten Box mit geschlossenem Fenster und mangelnder Frischluft). Zu einer erfolgreichen Therapie gehört auch die Einbeziehung der Lebensumstände, der Haltung und Fütterung des erkrankten Pferdes.

Werden Erkrankungen unter dem Aspekt der Ganzheitlichkeit gesehen und beurteilt, so bieten die Homöopathie, Naturheilkunde und Kräutertherapie sehr viele Mittel und Möglichkeiten, dem erkrankten Pferd nebenwirkungsarm und effektiv zu helfen und nicht ausschließlich chronische, sondern auch akute Erkrankungen zu regulieren. Leider herrscht noch immer die überholte Meinung vor, dass die Naturheilkunde, Homöopathie und Phytotherapie überwiegend bei chronischen Erkrankungen angewandt werden sollten und eher nicht für lebensbedrohliche Erkrankungen geeignet sind. Ist das so? Ich meine: Nein! Und das belegt der tägliche Behandlungsalltag in meiner Praxis!

Zusatzfuttermittel
Wo die chemische Keule versagt hat, konnten so manches Mal die "Kräfte aus der Natur" Linderung bringen und Heilerfolge bescheren.

Anders herum wird eher ein Schuh d'raus: Gerade in lebensbedrohlichen Phasen, wenn nämlich die Veterinärmedizin aufgegeben hat, das Pferd als "austherapiert" gilt, darf der Tierheilpraktiker "ran", sind plötzlich Naturheilkunde, Homöopathie und Phytotherapie die letzten "Strohhalme", nach denen der verzweifelte Pferdehalter greift. So sind fast alle Haaranalysen, die ich ausarbeite, eilig und nicht selten geht es um Leben oder Tod. Oft bin ich selber überrascht, mit welch' einfachen Mitteln dann letztlich doch Erfolg erzielt und oft genug der Kampf um's Überleben gewonnen wird! Da stellt sich die Frage, warum nicht auch bei schweren Erkrankungen schon frühzeitig Tierheilpraktiker involviert werden sollen? Natürlich: Es lastet eine große Verantwortung auf dem Tierheilpraktiker, der sich gerade diesem Wettlauf um Leben und Tod stellen muss und auf dem deshalb ein großer Erfolgsdruck lastet.

Vor diesem Hintergrund ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung, dass der Behandler, der Tierheilpraktiker und der in der Naturheilkunde und Homöopathie, Alternativmedizin oder Kräutertherapie Tätige über ein breit gefächertes Fachwissen, komplexe Erfahrungen in der Behandlung der jeweiligen Erkrankung und Tierart verfügt. Wie aber stellt man das vor Behandlungsbeginn als Pferdehalter fest?

Nun: Fragen Sie gezielt nach Referenzen und leuchten Sie das bisherige Tätigkeitsfeld aus. Erkundigen Sie sich dann explizit bei solchen Pferdehaltern, die bereits Erfahrungen mit dem betreffenden Tierheilpraktiker sammeln konnten. Liegen nachweisbare Erfolge vor (idealerweise schon bei ähnlichen Krankheitsbildern), oder erstaunte letztlich bei der gesamten Behandlung nur am Ende die Höhe der Rechnung? Beziehen Sie das Umfeld des Tierheilpraktikers mit ein. Tritt der Tierheilpraktiker eventuell auch privat als engagierter Pferde- und Tierhalter auf, ggf. mit eigenem Hof, wo im pausenlosen Wechselspiel mit eigenen Tieren viele weitere wertvolle Erfahrungen Tag für Tag gesammelt werden?

Bedenken Sie: Der Tierheilpraktiker (ebenso wie der im Bereich der Naturheilkunde für Pferde tätige Behandler und Anbieter) ist in einem Berufsfeld tätig ist, in dem es weder staatliche Prüfungen noch einheitliche Ausbildungsrichtlinien gibt, quasi Jeder kann sich also diese Berufsbezeichnung zulegen. Umso kritischer muss und sollte jeder Pferdehalter genau prüfen, wem er sein Pferd anvertraut. Das spart einerseits viel Geld, andererseits verliert man aber natürlich vor allem viel kostbare Zeit mit einer eventuell ungeeigneten Behandlung. Da es keine staatliche Zulassung gibt, ist jede Schule der Tierheilkunde eine private Einrichtung mit nicht standardisierten Ausbildungsregeln und Richtlinien.

Ebenso sind Tierheilpraktikerverbände lediglich private Einrichtungen. So werden die Tierheilpraktikerverbände meist von den Tierheilpraktikerschulen selber ins Leben gerufen. Eine Ausbildung dauert rund zwei Jahre. Am Ende dieser Ausbildung wird ein Zeugnis ausgehändigt, das jedoch zur Berufsausübung nicht einmal erforderlich ist. Der Pferdehalter ist gehalten, hier alles kritisch, sogar sehr kritisch zu hinterfragen. Das Hinterfragen könnte über Leben oder Tod des erkrankten Pferdes entscheiden und stellt in diesem Fall kein Misstrauen im eigentlichen Sinne, sondern lediglich eine gesunde Skepsis dar! Im Gegenteil: Reagiert der Tierheilpraktiker bei solchen (berechtigten) kritischen Fragen brüskiert, anstatt erfreut Referenzen und Kundenkontakte aufzulisten, ist schon mal größte Zurückhaltung und Vorsicht geboten. Der erstklassige Tierheilpraktiker muss den kritischen Vorab-Check nicht scheuen, er begrüßt ihn vielmehr!

Zusatzfuttermittel
Der Markt wird von Ergänzungsfuttermitteln geradezu überschwemmt. Nicht alles ist sinnvoll, manches sogar schädlich. Daher kauft man nicht "aus dem Katalog", sondern dort, wo erfahrene Berater helfend zur Seite stehen.

Auch können Tierheilpraktiker und generell Behandler von Tieren in ihrem Berufszweig nur bestehen, wenn sie nicht nur mit Tieren, sondern gleichermaßen mit Menschen gut und einfühlsam umgehen können. Die Tierbehandlung ist kein isolierter Vorgang. Behandler und Pferdehalter müssen Hand in Hand und in einem Umfeld des gegenseitigen Vertrauens den Weg zum Heilerfolg beschreiten! Immerhin sind bei der ganzheitlichen Behandlung viele Maßnahmen erforderlich, die der Pferdehalter überzeugt und engagiert umsetzen muss.

Diese Schritte werden in ausführlichen Gesprächen erörtert und sollten im Idealfall von gegenseitiger Sympathie beherrscht sein. Wobei auch hier jetzt kein Missverständnis aufkommen sollte. Ein "sympathisches Auftreten" und eine sofort einsetzende "Herzlichkeit" zwischen Behandler und Pferdehalter ersetzen nicht die Fachkompetenz! "Gesund geredet" wurde bislang noch kein Pferd. "Flotte Sprüche" und kumpelhaftes Auftreten ersetzen nicht den fachkundigen Behandlungsplan, der bei aller Herzlichkeit stets vom Pferdehalter kritisch hinterfragt werden darf und sollte. Der kompetente Tierheilpraktiker kann seine Behandlungsschritte glaubwürdig und nachvollziehbar erläutern. Und er tut es dann auch.

Einer ähnlichen Problematik begegnet der Pferdehalter auch im Umfeld der Anbieter von zahllosen Futter- und Ergänzungsfuttermitteln. So hat man zwar mit gewohnt "deutscher Gründlichkeit" Deklarationen und Hygienevorschriften bis zum Exzess durchformuliert, hat Zulassungsvorschriften erdacht, bestimmte Substanzen und Bestandteile kategorisiert, aber dennoch einen Flickenteppich mit zahllosen Lücken geschaffen. Viele Inhaltsstoffe, die im Grunde gefährlich und schädlich für Pferde sind bzw. sein können, tauchen in den Listen gar nicht auf. Sind also ungehindert auf dem Markt und werden auch fleißig verkauft. Da viele Tierheilpraktiker neben ihrer Dienstleistung nicht selten auch Ergänzungsfuttermittel anbieten, ist auch hier profunde Fachkenntnis vonnöten und ist ebenso kritisch zu überprüfen! Wieder zählt hier vor allem umfangreiche Erfahrung!

Doch auch wenn das jeweilige Ergänzungsfuttermittel strengsten Anforderungen genügen kann und sich bewährt hat, ist im nächsten Schritt genau so bedeutsam, dass solche Futtermittel mit großer Sorgfalt und punktgenau eingesetzt werden. Falsch eingesetzt, kann sogar immenser Schaden angerichtet werden! Der erfahrene Tierheilpraktiker schaut also nicht in erster Linie darauf, dass der Verkauf seines Ergänzungsfuttermittel-Programms "floriert", sondern prüft zusammen mit dem ratsuchenden Kunden, ob das geplante Einsatzgebiet sinnvoll und geeignet ist. Das weiß der erfahrene Tierheilpraktiker aus seinem Behandlungs- und Praxisalltag. Da der Kauf solcher Egänzungsfuttermittel also ebenfalls absolut Vertrauenssache ist, sollte man nicht blind bei irgend einem Versandhändler nach Katalogtext und hübscher Verpackungs-Aufmache kaufen, sondern dort, wo ein erfahrener Berater helfend zur Seite steht.



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