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Verstopfungskolik

Ein Tanz mit dem Tod

Protokoll einer Katastrophe: Verstopfungskolik bei Tinker Gustav

Von Claudia Nehls

In bereits unzähligen Artikeln habe ich mich mit dem Albtraum eines jeden Pferdehalters beschäftigt: Der Kolik. Ich gab Tipps, Anregungen, Ratschläge, wie man vielen Kolikformen vorbeugen könne oder wie man sich im Fall einer Kolik verhalten solle. Dabei hatte ich nur selten daran gedacht, dass ich selber quasi über Nacht mit einem schlimmen und schier aussichtslosen Kolik-Vorfall im eigenen Stall konfrontiert werden könnte. Doch genau das geschah: Mein Tinker Gustav führte mir mit schockierender Dramatik vor Augen, wie schnell nur leichte Veränderungen bei Haltung und Fütterung zu einer lebensbedrohlichen Situation führen können. Ich habe diesen doch noch glücklichen Verlauf einer massiven und beinahe tödlich endenden Verstopfungskolik in diesem Bericht protokolliert.

Sonntag/Montag, 14.08./15.08.2011:

Gustav, mein 6-jähriger Tinker, kommt beide Tage nicht auf die Weide, da die Zäune erneuert werden. Normalerweise hat er den ganzen Tag Weidegang und kommt nur nachts in seine Großraumbox von 5 x 10 m. Die Box ist reichlich mit hochwertigem Gerstenstroh eingestreut, so dass er weich liegt. Zudem wird es nie langweilig, weil er ständig Stroh knabbern kann, wenn die Heurationen aufgefressen sind.

Haltung und Fütterung sind identisch, seit er bei uns ist, also seit rund zwei Jahren. An diesen beiden Tagen hatte ich ihn jeweils ca. 30 Minuten in der Halle bewegt, die restliche Zeit verbrachte er in seiner Box, die aufgrund der Größe zumindest ein Minimum an Bewegungsmöglichkeiten bietet.

Dienstag, 16.08.2011:

Endlich sind die Zäune fertig und Gustav kann gleich morgens wieder raus. Damit er sich den Bauch nicht so voll schlägt nach zwei Tagen weidefreier Zeit, stelle ich ihn jedoch nur auf ein kleines abgegrastes Weidestück. Er hat so zwar dauernd etwas zu mümmeln, kann sich jedoch keinesfalls überfressen (Tinker, insbesondere auch Gustav, neigt dazu). Das Gras ist sehr kurz und karg. Aufgrund der Größe des Weidestückes fehlt ihm jedoch auch an diesem Tag die weitläufige Bewegung, die er sonst auf den großflächigen Weiden genießt. Am späten Nachmittag hole ich ihn rein. Alles o. k., wie immer: Gustav macht einen rundum gesunden und fitten Eindruck. Es ist ca. 16.00 Uhr.

Mauke

Gustav kennt es nicht anders und genießt Tag für Tag die Freiheit auf weitläufigen Weideflächen. Ein außerplanmäßiger Zwangsaufenthalt in der Box wurde ihm daher zum Verhängnis.

Mein Büro liegt gleich über seiner Box, so höre ich jedes kleine Geräusch. Gegen 16.30 Uhr plötzlich höre ich ein Rumpeln, so, als wenn Gustav ständig gegen die Türen schlägt. Ich bin noch ganz entspannt und schaue nach ihm. Mit meiner Entspanntheit war es jedoch gleich vorbei, als ich ihn sah. Gustav schlug vor lauter Schmerz immer wieder mit dem Kopf gegen die Boxentüre und lief aufgebracht von einer Seite zur anderen. Sofort war mir klar: Kolik, Hilfe... Ich nahm ihn aus der Box und merkte gleich, dass er nicht äppeln konnte: Verstopfungskolik! Gustav hatte einfach zu viel Stroh aus seinem Einstreu gefressen und wohl gleichzeitig zu wenig getrunken. Zudem fehlte da noch die Bewegung in den letzten drei Tagen. Ich führte Gustav in unsere Halle und dort im Schritt umher. Gustav versuchte immer wieder, sich zu lösen und endlich zu äppeln, der ganze Körper verspannte sich, er spreizte die Hinterbeine und es sah aus, als wolle er sich hinsetzen. Er drückte und drückte, es kam nichts, einfach nichts! Gustav hatte große Schmerzen, er stöhnte und versuchte immer wieder die harten Strohklumpen herauszudrücken. Es tropfte bereits Blut aus dem After vor lauter Drücken.

Gustav bekam den Darm ausgeräumt, hervor kamen massive Verklumpungen mit Stroh, der Kot bestand überwiegend nur noch aus trockenem Stroh. Zusätzlich spritzten wir Buscopan. An diesem Abend waren leider nur noch 0,5 Liter Paraffinöl aufzutreiben, die ich ihm oral verabreichte. Paraffinöl wird im Gegensatz zu anderen Ölen nicht verdaut; Sinn der Gabe ist das Lösen der Verklumpungen. Für diesen Zweck eignet sich aufgrund der Unverdaulichkeit nur Paraffinöl, jedes andere Öl würde anhand der therapeutisch zu verabreichenden Menge zusätzliche Probleme verursachen.

Zusätzlich gab ich ihm einige homöopathische Mittel und Colosan. Ab diesem Zeitpunkt gehörte der Kontakt mit Stroh der Vergangenheit an. Als ich sah, wie Gustav sich quälte, war mein erster Gedanke: "Nie wieder Stroh für Gustav!". Kurz überlegte ich, wo er jetzt die Nacht verbringen könne, seine Box gab unter der Stroheinstreu nur einen Betonboden her, was natürlich keine Alternative darstellte. Nach kurzer Überlegung entschied ich mich, ihn über Nacht auf das kleine komplett abgegraste Weidestück zu stellen. Hier konnte er ein wenig Gras aufnehmen und hatte zudem deutlich mehr Bewegung als in der Box. Zu dieser Zeit dachte ich noch, dass nach der Behandlung jetzt alles wieder o. k. und die Kolik überwunden sei. Ein fataler Irrtum, wie sich in den nächsten Stunden und Tagen herausstellen würde.

Inzwischen war es später Abend geworden. Wir waren noch einige Stunden langsam im Schritt spazieren gegangen. Geäppelt hatte Gustav noch immer nicht, trinken wollte er auch nichts. Die Verweigerung von Flüssigkeit war gerade für Gustav absolut unüblich und ungewohnt. Er äppelte nicht, trank nicht und fressen wollte er auch kaum. Zusammengefasst ein mehr als besorgniserregender Ausblick.

Schmerzen hatte er nach dem Ausräumen jedoch glücklicherweise keine mehr. Gegen 23.00 Uhr brachte ich ihn auf das abgegraste Weidestück und hoffte, der Albtraum wäre am nächsten Morgen vorbei. Nachdem ich um 0.30 Uhr noch einmal bei ihm war, öffnete ich unser Schlafzimmerfenster, damit ich Gustav über Nacht hören konnte und versuchte zu schlafen.

Mittwoch, 17.08.2011:

Gleich als es hell wurde, schaute ich sofort nach Gustav. Was ich sah, ließ mich erschaudern: Gustav lag auf dem Boden – wie tot! Ich lief hin, er stöhnte und drückte und drückte, aus seinem After lief Blut, sehr viel Blut. Mit gutem Zureden konnte ich ihn dazu bewegen aufzustehen. Er hatte die ganze Nacht nicht geäppelt, das heißt, er hatte jetzt den Kot von ca. 12 Stunden im Darm. Normalerweise kotet ein Pferd rund alle drei Stunden! Ich stellte mir diese unfassbare im Darm fest sitzende Menge vor und hatte furchtbare Angst. Nun konnte viel passieren: Teile des Darms könnten absterben, der Darm könnte reißen, sich verdrehen... Ich durfte gar nicht weiter denken!

Gleiche Prozedur wie an den Vortagen: Darm wieder ausräumen. Beim Ausräumen kam immer wieder Blut, das Blut lief die Beine hinunter. Das Ausräumen selber war natürlich auch eine schmerzhafte Prozedur, Gustav wehrte sich dagegen. Dann wieder Buscopan, vorsichtshalber dieses Mal noch ein Antibiotikum. Wir hatten Angst, dass er eine Darmentzündung bekommen könnte. Mit Mühe und Not konnte ich einen Liter Paraffinöl auftreiben, diesen flößte ich ihm über den Tag verteilt ein. Ich lief den ganzen Tag mit ihm durch die Gegend, stundenlang, hin und her, immer weiter, doch: nichts geschah. Er konnte noch immer nicht äppeln. Alle vier Stunden fing er an zu drücken, doch noch immer kam kein Kot.

Mauke

Tinker wie Gustav sind robuste Naturburschen, die viel Bewegung brauchen und hochwertiges, genau abgestimmtes Futter. Schon kleinste Fehler können fatale Folgen haben.

Das Ausräumen des Darms wurde zunehmend zur unerträglichen Prozedur. Denn bei jedem Ausräumen entstehen weitere Verletzungen des Darms. Die Schmerzen wurden auch immer größer. Bei jedem Ausräumen wehrte Gustav sich deshalb ein klein wenig mehr. Aber es half alles nichts: Das Ausräumen des Darms war seine einzige Chance. Bei jedem Ausräumen blutete es mehr. Wieder laufen, wieder ausräumen, wieder Paraffinöl ... wieder eine Nacht auf dem abgegrasten Weidestück ... wieder Angst vor dem nächsten Morgen. Was erwartete mich am nächsten Tag? Ich konnte diese Nacht überhaupt nicht schlafen. Mitten in der Nacht ging ich noch mal zu Gustav. Er stand ganz ruhig und mümmelte ein wenig an dem kaum noch vorhandenen Gras. Mehr gab es nicht, nur dieses kleine abgegraste Weidestück. Er trank noch immer nicht.

Donnerstag, 18.08.2011:

Mit dem Hellwerden mein erster Blick aus dem Fenster: Gustav lag wieder wie tot auf der Weide. Ich lief zu ihm, aus dem After lief das Blut nur so raus, überall war Blut. Er sah mich an und schien aufgegeben zu haben, seine Augen waren irgendwie leer, er schaute mich resigniert an, als wollte er fragen: 'Wie lange soll das noch so weiter gehen?' Ich hatte inzwischen kaum noch Hoffnung, dass Gustav diese Verstopfungskolik überleben würde und mir ging es entsprechend schlecht; ich war sehr unglücklich und traurig.

Wieder ausräumen, wieder wurde die Prozedur zur Qual, Gustav tat inzwischen alles nur noch weh. Ich besorgte 4 Liter Paraffinöl und Glaubersalz, ich massierte ihm zwischen unseren Spaziergängen mit Campher den Bauch. Immer wieder flößte ich ihm jetzt Paraffinöl ein, ich wärmte zusätzlich Öl auf und machte ihm damit Einläufe. Zwischendurch liefen wir, wir liefen bestimmt einige Kilometer hin und her; wieder Öl vorne rein, Öl hinten rein, Bauch massieren, zwischendurch Glaubersalz mit warmem Wasser, dann wieder laufen. Zwischendrin telefonierte ich mit einer Pferdeklinik. Ein ziemlich unfreundlicher Tierarzt mahnte mich an, Gustav sofort einzuliefern. Auf meine Frage, was die Klinik denn konkret unternehmen wolle, erwiderte der Tierarzt, man werde Paraffinöl mit der Nasenschlundsonde einflößen. Nasenschlundsonde, wofür? Es ging dann halt schneller, was die knappe Info.

Die entscheidende Frage, ob Klinik oder nicht, hatte ich zuvor auch schon mit meinem TA erörtert und wir kamen beide zu dem Schluss, dass ein Klinikaufenthalt nicht unbedingt von Vorteil für Gustav wäre. Um beispielsweise Paraffinöl mit der Nasenschlundsonde zu verabreichen, hätte Gustav sediert werden müssen. Diese Sedierung wiederum war infolge seines eh genug geschwächten Herz-/Kreislaufsystems nicht ganz ungefährlich, genauso wie das Legen einer Nasenschlundsonde bei einem sich wehrenden Pferd. Immerhin bringt Gustav rund 800 kg auf die Waage, würde er sich massiv widersetzen, wären neue ungeahnte Probleme vorprogrammiert. Bei uns war er zu Hause und von mir lässt er sich alles gefallen. Fremden gegenüber ist er hingegen extrem misstrauisch. Das alles waren Aspekte, die mich bestärkten, ihn weiter zu Hause zu behandeln. Aber so konnte es auch nicht weitergehen!

Ich flößte ihm an diesem Donnerstag vier Liter Paraffinöl mit einer 20 ml Spritze ein, verteilt auf vier Stunden. Zusätzlich machten wir immer wieder Einläufe mit warmem Öl und zwischendrin machten wir wieder und wieder lange Spaziergänge und ich massierte ihm den Bauch. Ich wusste, wir haben nicht mehr viel Zeit, er muss jetzt wieder anfangen, selbständig zu äppeln, wir können ihn nicht mehr oft ausräumen, ohne den Darm, der eh schon überall gerissen war, irreparabel zu schädigen! Es war unser letzter Tag, wir mussten das jetzt schaffen, immer wieder redete ich ihm so zu und ich hatte den Eindruck, er verstand.

Am Vormittag kam ein erstes leichtes Äppeln: es war ein Ballen, mehr nicht, aber immerhin. Abends musste er dann jedoch noch einmal ausgeräumt werden. Ich wusste, wenn wir es nicht ganz bald schaffen, haben wir den Kampf verloren! Dieses ganze Paraffinöl, diese ständigen Einläufe, es musste doch einfach wirken! Wir waren uns einig, noch mal Ausräumen geht kaum noch, der Darm war so kaputt, er blutete immer mehr. Gustav roch inzwischen ganz krank und nach Blut. Die entscheidende Nacht kam nun auf uns zu...

Freitag, 19.08.2011:

Es wurde hell, ich lief zum Fenster: Gustav stand! Ein erstes gutes Zeichen! Zum ersten Mal lag er nicht wie tot da und blutend auf der Weide. Zum ersten Mal stand er augenscheinlich normal und wartete auf mich. Ich lief zu ihm und sein Blick zeigte mir, dass es ihm bereits deutlich besser ging. Ich suchte die Weide ab und konnte tatsächlich ein Häufchen erblicken: Er hatte zum ersten Mal selbständig geäppelt. Meine Freude war groß. Von diesem Morgen an ging es wieder bergauf. Am Vormittag kam das zweite zaghafte Äppeln, am Nachmittag ging es bereits besser und ein relativ normaler Kothaufen verließ Gustavs Darm.

Mauke

Für Tierheilpraktikerin Claudia Nehls (rechts i. Bild) wäre es eine Katastrophe gewesen, hätte sie Gustav durch die Kolik-Tragödie verloren. Der Tod hat Gustav noch einmal verschont.

Unser Laufprogramm behielten wir noch einige Tage bei, auch das Bauch massieren mit Campher und die Einläufe mit warmem Öl behielten wir noch einige Tage zur Sicherheit bei. Ab dem Abend äppelte er wieder ganz normal. Gustav erholte sich schnell. Bereits nach wenigen Tagen war er wieder fast der Alte. Ein neues Problem stellte sich jedoch noch ein als Folge der letzten Tage: Er bekam Probleme, zu urinieren. Die Blase hatte entweder Schaden genommen oder die Schmerzen ausgehend von den vielen Rissen im Darm führten dazu, dass er zwar immer den Drang hatte, zu urinieren, aber sich irgendwie nicht traute. Ich nehme an, es tat ihm einfach weh, zu urinieren. Dies führte dann die nächsten Tage dazu, dass wir in der Halle liefen und ich ermunternd auf ihn einredete. Wenn es sich nicht so blöde anhören würde, aber mit vielen kleinen Tricks schaffte er es dann, zu urinieren nach einer – mehr oder weniger – kurzen oder auch längeren Zeit. Ein genaues Zeitgefühl hatten wir eh inzwischen verloren. Es ging nur noch darum, uns aus diesem Dilemma herauszukämpfen.

Auch das Problem hinsichtlich der Urinierens gab sich in den nächsten Wochen. Nach wenigen Wochen war wieder alles in Ordnung und Gustav wieder der Alte. Er hatte ein wenig, aber wirklich nur ein wenig, abgenommen und spielte wieder den Clown. Heute ist Gustav wieder ein Schelm wie eh und je. Für mich ist sein Leben seither ein kleines Wunder, an das ich in manchen Momenten kaum noch glaubte. Ich fühlte mich in diesen Tagen so hilflos und machtlos wie noch nie in meinem Leben und bin unheimlich dankbar, dass Gustav dieses zweite Leben geschenkt wurde. Seither steht Gustav auf Stallmatten, mit denen er sehr gut zurecht kommt. Seither gab es keinen einzigen Halm Stroh mehr für Gustav, und so wird es auch bleiben!

Mich hat diese Geschichte gelehrt, dass selbst kleinste Veränderungen im Alltag eines Pferdes zu fatalen Folgen führen können. Seither versuche ich umso mehr, mir sämtliche ggf. eintretenden Folgen kleiner Änderungen in der Pferdehaltung vor Augen zu führen. Ich in sehr glücklich, dass Gustav überlebt hat und werde alles dafür tun, dass keines meiner Pferde jemals wieder eine Verstopfungskolik bekommt, denn nur, wer das erlebt hat, weiß, wie schrecklich so eine Situation ist und wie machtlos man dieser gegenüber steht!



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